02.11.2020
Vom Heldenmut und Glaubensmut

Predigt am Reformationstag 2020 in der Schlosskirche zu Wittenberg  

Matthäus 10,26-33

Pfarrer Stefan Günther, Studienleiter am Predigerseminar Wittenberg

‚Fürchtet Euch nicht‘. Gleich dreimal klingt die Aufforderung  im kurzen Bibelabschnitt von heute an. Fürchtet euch nicht vor dem Verborgenen, denn es wird offenbar werden und ans Licht kommen. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können. Denn die Seele ist dem menschlichen Zugriff entzogen. Nur Gott kann über beides verfügen. Und schließlich ein drittes Mal: fürchtet euch nicht, denn ihr seid kostbar. Ja ihr seid kostbarer als ein Vogel, den man für wenig Geld kauft. Nun, dieser Vergleich klingt zunächst nicht sehr wertschätzend. Aber er entfaltet darin seine Stärke, dass er gerade dem Kleinen und Unscheinbaren – eben einem Sperling – besondere Aufmerksamkeit schenkt. Es fällt kein Sperling zu Boden, ohne dass Gott es nicht wüsste, ja mehr noch: kein Haar auf deinem Haupt geht verloren, denn bei Gott sind sie alle gezählt. Alles, das Kleine wie das Große, die geordneten und auch die ungeordneten Tage, die hellen und die dunklen sind von Gott gehalten. Also: Fürchtet euch nicht, denn ihr seid kostbar.

Liebe Gemeinde, mit dem dreifachen Appell zur Furchtlosigkeit möchte ich heute an drei Ereignisse erinnern, die auf unterschiedliche Weise furchtlos und mutig waren.

Am Reformationstag in der Schlosskirche zu Wittenberg denke ich natürlich an Luther und in diesem Jahr ganz besonders an seine reformatorischen Grundschriften aus dem Jahr 1520. Mit bekennendem Mut schreibt er seine Erkenntnisse aus dem Bibelstudium nieder. In einer Schrift sah er die Kirche in babylonischer Gefangenschaft sitzen, weil sie sich in einer philosophischen Sakramentenlehre verschanzt hatte. Das war keine kleine Kritik, sondern eine radikale Infragestellung der verfassten Kirche. In einer anderen Schrift führte Luther aus, Glauben radikal von der Freiheit zu denken. In Christus sind wir freie Menschen und niemandem Untertan und in Christus sind wir freie Menschen und allen Untertan. In dieser Spannung aus Freiheit von und Freiheit zu etwas buchstabiert Luther seinen Glauben an Christus. In dieser Freiheit wagten und wagen viele Menschen ihr Leben und haben ihren Weg zur eigenen Mündigkeit immer wieder neu buchstabiert. Für diesen furchtlosen Bekennermut erhielt Luther vor 500 Jahren die Quittung in Form der Bannandrohungsbulle. Und was macht er? Er machte ein Feuer am Elstertor, um öffentlichkeitswirksam und legendenbildend diese Bulle zu verbrennen. Dort hat er seine Angst ins Feuer geworfen. Welche Furchtlosigkeit und welch Bekennermut in diesem Jahr 1520!

Fürchtet euch nicht, spricht Christus uns zu. Das ist so leicht gesagt. Denn Furchtlosigkeit lassen sich so wenig verordnen wie Mut. In manchen Stunden ist diese Furchtlosigkeit kein Heldenmut, sondern kommt mit demütigen Worten daher. An ein zweites Ereignis möchte ich heute erinnern: Vor 75 Jahren, im Herbst 1945, legten die evangelischen Kirchen ein Bekenntnis ab. Angesicht der Nazi-Gräuel sah man, dass die Kirche selbst sich schuldig gemacht hat durch die Versäumnisse, ihre Stimme laut zu erheben. Vertreter der Kirche kamen zusammen und verfassten das Stuttgarter Schuldbekenntnis. Darin heißt es: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Die Kirchen haben sich in ihrer gesamten christlichen Existenz schuldig gemacht: im Bekennen, Beten, Glauben und Lieben. Auf schmerzhafte Weise wurde deutlich, dass das Bekenntnis zu Christus in Form von Nächstenliebe und Gottesliebe in der Kirche gefehlt hat. Das Bekenntnis damals hat nichts ungeschehen oder vergessen gemacht. Aber es hat damals einen neuen Weg eröffnet für die Kirche und für unser Land. Das Bekennen zu Christus, dem Liebenden, im Beten, Glauben und Lieben macht einen Unterschied. Es wird gebraucht. Es ist relevant im System – auch wenn es demütig daherkommt.

‚Fürchtet euch nicht‘ spricht Christus uns zu: Wenn da nur nicht die eigene Unsicherheit wäre. Denn es ist jede Menge verborgen, und jeden Tag aufs Neue kommt es ans Licht. Das Virus schleicht durch die Gesellschaft, nistet sich im Atem ein und ängstigt die Seelen. Wo ist es? Wer trägt es bereits schon in sich, ohne es zu wissen? Was ist erlaubt, um seine Verbreitung einzudämmen? Und was ist angemessen und verantwortlich? Jeden Tag kommen die neuen Zahlen ans Licht und verheißen nichts Gutes. Mittlerweile schleicht die Angst und Unsicherheit ebenso um wie das Virus. Die Angst vor der Krankheit, vor der Einsamkeit, vor dem erneuten Lockdown, vorm Verdienstausfall und der Ungewissheit.

Fürchtet euch nicht: was heißt das angesichts dieser Situation? An ein drittes Ereignis möchte ich heute erinnern:  Im Jahr 1527 ist Pandemie in Wittenberg: Die Pest ist in der Stadt wie auch in Breslau. Von dort wenden sich einige Leute an Luther und fragen ihn: Was sollen wir tun? Dürfen wir fliehen?

Luther schreibt zurück, dass wir vor dem Sterben nicht fliehen können. Wir alle müssen einmal sterben und sollen uns darin in Gottes Hand befehlen.  Weiter schreibt er:  „[Es] sündigen einige […] und sind allzu vermessen und keck, so daß sie Gott versuchen und alles stehen lassen, womit sie dem Sterben und der Pest wehren sollten. Sie verachten es, Arznei zu nehmen, und meiden die Stätten und Personen nicht, wo die Pest lauert, sondern zechen und spielen mit ihnen, und wollen damit ihre Kühnheit beweisen […] Solches heißt nicht Gott vertrauen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und ihn zu pflegen, daß er gesund sei und lebe.“[1]

Luther warnt in dieser Schrift vor der Vermessenheit des Heldenmuts. Im Heldenmut liegt eben keine Furchtlosigkeit, sondern häufig nur Prahlerei angesichts der eigenen Stärke. Luther warnt auch vor der Verzagtheit der Ängstlichkeit. Er schreibt weiter:

„Will mich indes mein Gott haben, so wird er mich wohl finden, ob ich nun fliehe oder bleibe. … Wo aber mein Nächster meiner bedarf, will ich weder Orte noch Personen meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen, und mich ganz in Gottes Hände legen. Siehe, das ist ein rechter, gottesfürchtiger Glaube, der nicht dummkühn noch frech ist und auch Gott nicht versucht.“

Luther schreibt: Das Mittel gegen Vermessenheit und das Mittel gegen Verzagtheit ist ein und dasselbe – es ist die Gottesliebe und die Nächstenliebe: Aus Liebe zum Nächsten halte Distanz und aus Liebe zu Gott wende dich dem Nächsten zu. Dabei unterscheidet er fein säuberlich den Heldenmut, der auf eigene Stärke setzt von dem Glaubensmut. Dieser Mut ist sich der eigenen Schwachheit, ja auch der eigenen Sterblichkeit, bewusst. Glaubensmut bezieht seine Kraft nicht aus sich selbst, sondern aus dem Vertrauen auf Gott, dass er uns hält und trägt im Leben und im Sterben. Glaubensmut kennt die Angst vor der Einsamkeit, vorm Lockdown, vor der eigenen Depression und ist sich doch gewiss im Zuspruch Jesu: Fürchtet euch nicht. Dieser Mut kommt aus der Gottesliebe. Am Ende seiner Schrift  gesteht das auch Martin ein, und bittet uns, die wir ihn hören, um die Fürbitte. Deshalb schreibt unser lieber, schwacher, starker Held Martin Luther am Ende: „Bittet für mich armen Sünder!“[2] Das lasst uns tun, für uns alle, dass wir uns nicht fürchten.

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.


[1] Martin Luther, Ob man vor dem Sterben fliegen möge (1527; WA 23,338-379), in: Karin Bornkamm/Gerhard Ebeling, Hg., Martin Luther. Ausgewählte Schriften, Bd. 2, Frankfurt am Main 1982, 225-250: 240-241.

[2] A.a.O. 250.